Junges Uetersen
Bürgervorsteherin Heike Baumann und Bürgermeisterin Andrea Hansen werden in diesem Jahr erstmals den Förderpreis „Junges Uetersen“ vergeben. Diese Auszeichnung wird verliehen für besondere Leistungen junger Menschen hier vor Ort. Dies können Beiträge zu Kunst und Kultur sein, zur Stadtforschung, für Sport, Freizeit und Integration: Gute Beispiele und Vorbilder, die zum Nachahmen einladen, und die Ideen liefern für das Uetersen von morgen. Eine Jury wird alle eingereichten Beiträge sichten und dann ihre Wahl treffen. Die Höhe des Förderpreises wird noch bekannt gegeben. Bewerbungsschluss ist der 30. September 2010. Bewerbungen mit einer Dokumentation des durchgeführten Projektes können unter folgender Adresse eingereicht werden: Bürgermeisterin Andrea Hansen, Rathaus Uetersen, Wassermühlenstraße 7, 25436 Uetersen. Stichwort: Junges Uetersen.
12. Bertini-Preis für junge Menschen mit Zivilcourage
Laudatio von Hans-Jürgen Fink, Kulturchef des Hamburger Abendblatts und Preis-Pate des Projekts „Uetersen im Nationalsozialismus: Schüler der Ludwig-Meyn-Schule erforschen die Geschichte ihrer Stadt“ anlässlich der Preisverleihung am 27. Januar 2010 im Ernst-Deutsch-Theater, Hamburg
Zwei Rektoren einer Schule in Uetersen waren überzeugte Nationalsozialisten. Zeugen Jehovas wurden verfolgt, eine Bürgerin wegen Hörens von Feindsendern zu zweieinhalb Jahren Zuchthaus verurteilt. Und die Uetersener Nachrichten waren gleichgeschaltet.
Wenn man sich mit der Geschichte des Nationalsozialismus beschäftigt hat, denkt man vermutlich: Das ist doch nichts Neues. So war das damals.
Was also macht die Arbeiten der neun Schülerinnen und Schüler der Ludwig-Meyn-Schule in Uetersen so besonders?
So besonders macht sie, dass man das alles erst heute, nachdem sie in Archiven gegraben und Zeitzeugen befragt haben, genau belegen kann. Das legt den Finger in eine Wunde: Denn es gab über viele Jahrzehnte der Demokratie in der Bundesrepublik, allen historischen Forschungen und allen Dokumentationen von ARD bis N24 zum Trotz – ein massives Desinteresse daran, dies mit Einzelheiten aus der nächsten Nachbarschaft wissen zu wollen, es an sich herankommen zu lassen – obwohl man es hätte wissen können. Und wissen müssen.
Die ausgeblendete Geschichte der eigenen Schule. Opfer, deren Schicksale in der Uetersener Stadtgeschichte bislang überblättert wurden. Die Anfälligkeit der Presse für die nationalsozialistische Ideologie – all das ist jetzt, dank dieses Büchleins, in Uetersen nicht mehr ein ungreifbares, dunkel umwölktes Kapitel, sondern plötzlich wieder Teil der Geschichte der Gemeinschaft, in der man selbst lebt. Es sind jetzt endlich Vorgänge, auf deren Botschaften man reagieren kann und reagieren sollte.
Ralph Giordano hat 1987 in einem Buch, das nicht weniger beachtet wurde als die „Bertinis“, von der zweiten Schuld der Deutschen gesprochen. Die zweite Schuld: Das ist die Verdrängung und Verleugnung der ersten nach 1945.
Unsere Preisträger haben da ein Zeichen gesetzt: Sie haben sich – gute journalistische Tugend – nicht mit dem kollektiven Nicht-Wissen-Wollen zufrieden gegeben. Sie wollten es genau wissen. Sie haben die verdrängte und verleugnete Wahrheit aus den Archiven geholt.
Eine Wahrheit, über der, wie man an diesen Arbeiten sieht, in Uetersen, aber beileibe nicht nur dort, eine sehr widerstandsfähige Decke des Verdrängens, Leugnens und der aktiven Geschichtsbereinigung liegt (oder wie soll man es sonst nennen, wenn sich herausstellt, dass Teile von Personalakten fehlen?).
Die Arbeit der Schülerinnen und Schüler zeigt: Es ist auch nach 65, 70 Jahren noch möglich, die Wahrheit herauszufinden.
Und erst diese Wahrheit macht es möglich, die Schuld der Vergangenheit wirklich zu erkennen und dafür zu sorgen, dass sich die großen Verbrechen, aber auch das kleine Mitläufertum, das sie ermöglicht hat, nicht wiederholen.


